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Steingewordenes Ideal: Die Planstadt Freudenstadt

Von Fabian Kneule

Die heutige Kreisstadt Freudenstadt liegt auf einer Buntsandsteinplatte im Gebirge des Nordschwarzwaldes. Das Gelände ist dicht bewaldet und nicht besonders fruchtbar. Doch das konnte den damaligen Landesherren Herzog Friedrich I. von Württemberg (1557-1608) nicht schrecken hier im Jahr 1599 den Bau der ersten Idealstadt im Südwesten des alten Reiches in Auftrag zu geben. Obwohl ihm sein Baumeister Heinrich Schickhardt (1558-1635) ausdrücklich von der Wahl dieses Ortes abgeraten hatte. Auch von den bestehenden Besitzverhältnissen ließ er sich nicht aufhalten. Unter Missachtung des Gewohnheitsrechts wurden seiner neuen Stadt weite Landstriche zugeschrieben. Auch alte Weide- Jagd- und Holznutzungsrechte des Amtsbezirks Dornstetten und Baiersbronns wurden zugunsten Freudenstadts beschnitten. Mit ihrem quadratischen Grundriss und der um den zentralen Marktplatz parallel verlaufenden Häuserreihen gleicht Freudenstadt einem Mühlespiel. Vollendet wurde der Bau aufgrund des frühen Todes ihres Gründers und Förderers nie. Der überdimensionale Marktplatz im Zentrum war eigentlich für den Bau eines Schlosses vorgesehen, der durch den nahen Bergbau finanziert werden sollte. Auch auf eine Wallanlage musste die Bevölkerung, darunter viele protestantische Flüchtlinge aus Österreich, verzichten. Erst nach langem Bitten erhielt sie 1627 einen notdürftigen Palisadenwall, der jedoch keinen Schutz vor den marodierenden Söldnerbanden des Dreißigjährigen Krieges bot. Zusätzlich sorgten die Pest, Stadtbrände und mangelndes Interesse der nachfolgenden Landesfürsten für eine Stagnation der anfänglich so rasant wachsenden Idealstadtgründung.

Was bewog Herzog Friedrich I. zur Gründung einer Stadt mitten im kargen Mittelgebirge des Nordschwarzwaldes und das zu einer Zeit in der kaum neue Städte entstanden? Und welche Funktion war Freudenstadt zugedacht? Die weitreichenden politischen Ambitionen, ein ausgeprägtes Machtbewusstsein, die Auseinandersetzungen mit den schwäbischen Landständen um eine zentralisierte Staatsgewalt sowie seine merkantilistische Wirtschaftspolitik machen Herzog Friedrich I. zu einem Paradebeispiel eines frühabsolutistischen Herrschers. Mit dem Tod seines Neffen Herzog Ludwig übernahm er 1593 die Regierungsgeschäfte in Stuttgart. Ihm stets zu Diensten stand, wie schon seinem Vorgänger, der bekannte Architekt und Ingenieur Heinrich Schickhardt. Mit ihm reiste Friedrich I. sechs Monate im Eiltempo durch Norditalien.

Inspiration im Eiltempo – Die Italienreise

Der Herzog wollte die Eröffnung des von Papst Klemens VIII. ausgerufenen Jubeljahrs 1600 besuchen, zu der er als protestantischer Fürst keine offizielle Einladung bekommen hatte. Die Gruppe reiste über weite Strecken inkognito und schaffte es innerhalb von nur 6 Monaten 69 Städte zu besichtigen. Begierig auf neues Wissen und Anregungen hielt Heinrich Schickhardt in einem Reisetagebuch, das er für den Herzog führte, vieles fest und versah es auch mit allerlei Skizzen. Er zeigte großes Interesse an der städteplanerischen Pionierarbeit und den ingenieurtechnischen Entwicklungen, die man zu dieser Zeit in Italien bestaunen konnte.

Planung und Umsetzung

Der vom Herzog gebilligte Drei-Zeilen-Plan von Freudenstadt im Schwarzwald. Aus dem Hauptstaatsarchiv Stuttgart N 220 B 2, 1 Bl.

Noch vor dieser Reise wurde die Gründung der Stadt Freudenstadt beschlossen, wobei deren endgültiges Aussehen noch keinesfalls feststand. Die ersten Pläne Schickhardts für Freudenstadt zeigen eine geringe Affinität für Idealstadttheorien als vielmehr eine am praktischen Nutzen und dem Festungsbau orientierte Konzeption. Diese ersten Pläne wurden vom Herzog dann auch abgelehnt, der eine Idealstadt wollte, die seinem Repräsentationsbedürfnis gerecht wurde. Inspirationen fand er dafür in den Stadtkonzeptionen der Schriften von Thomas Morus, dem Archetyp einer ganzen Reihe darauffolgender Utopien, Thomas Campanella, Valentin Andreae, der die ideale Christenstadt entwarf und Albrecht Dürer, der mit seiner Schrift „Etliche underricht“ die perfekte Fürstenstadt konzipierte. Der quadratische Stadtgrundriss mit dem Schloss im Zentrum und die um das Zentrum in Reih’ und Glied stehenden Häuser können hierbei als Sinnbild für einen absolutistischen Staat gesehen werden. Der Herzog wollte sich dadurch eine (Neben-) Residenz schaffen, die seinen Idealvorstellungen eines Staates zur steingewordenen, erlebbaren Realität für jeden Besucher und Bewohner der Stadt werden lässt. Der Wille des Fürsten äußert sich nicht nur in Form von Gesetzen und Abgaben sondern auch in der Regelung des Lebensraumes, die sich bis in das Private hinein erstreckt. Auch der Humanismus trug hier seine Blüten. Die Stadt ist nach Funktionalität erbaut, alles ist einem Ordnungsprinzip unterworfen und selbst die, an einer Ecke des Marktplatzes stehende, Kirche verliert ihr Alleinstellungsmerkmal. Mit ihrem Grundriss in Form eines Winkelhakens wird sie vollständig in das Planungskonzept integriert. Ebenso scheint Freudenstadt Ausdruck des Strebens nach einem machtvollen protestantischen Mittelreich zwischen den katholischen Machtblöcken zu sein und zeigt zugleich den Willen zur Selbstbehauptung der Protestanten in einer Zeit, in der sich die religiösen Spannungen auf einen Höhepunkt zubewegten. Die Suche nach einer architektonischen Identität des Luthertums fand hier ihren Ausdruck. Es ist der Versuch sich vor den anderen Konfessionen zu beweisen und sich gleichzeitig von ihnen abzugrenzen. Quadratische sowie rechteckige Grundrisse wurden auch bei späteren Gründungen von Hugenottenstädten verwendet. Gekonnt inszenierte sich der Herzog als Erbauer und Beschützer der rettenden Insel für Protestanten und erkannte zugleich das wirtschaftliche Potential der Exilanten für seine Stadt und das gesamte Herzogtum. Die Gründe für den Bau der Stadt waren demnach mannigfaltig und auf politischer, wirtschaftlicher und religiöser Ebene zu finden.

Trotzdem verwundert der immense Aufwand, der betrieben wurde um diese Stadt in einem so unzugänglichen Gelände aus dem Nichts zu erbauen. Nicht ohne Grund nennt der Autor der  „Geschichte der Stadt Freudenstadt“ Manfred Eimer in seinem Vorwort die Planstadt eine der „merkwürdigsten Städte Deutschlands“.

 

Max Weber Stiftung
Max Weber Stiftung
The Max Weber Foundation promotes global research, focused on the areas of social sciences, cultural studies and the humanities. Our… Weiterlesen

OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Max Weber Stiftung (7. Oktober 2014). Steingewordenes Ideal: Die Planstadt Freudenstadt. Wissen in Verbindung. Abgerufen am 3. September 2026 von https://mws.hypotheses.org/19269


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